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Dirtmusic in the desert

Teil 2

Abends wurde dann das Festival au desert von offizieller Seite auf der Hauptbühne eröffnet.
Man erwartete ca. 2.500 Besucher , aber genau kann das wohl keiner sagen, weil die vielen Tuaregs aus der Wüste mit ihren Kamelen anreisen und natürlich keinen Eintritt zahlen, also auch nicht gezählt werden. Ich glaube der überwiegende Anteil der Besucher sind Tuaregs. Europäer oder Amerikaner sind vielleicht zu 10% unter den Besuchern. Das Festival entstand vor Ur-Zeiten als Markt- und Handelsplatz der Tuareg, welche ja Nomaden sind. Einmal jährlich traf man sich auf diesem „neutralen“ Platz in der Sahara und die Sippen konnten Neuigkeiten austauschen, ihre Kinder vermählen und eben auch gemeinsam feiern. Zum Feiern gehört Musik und seit 2001 organisieren sie ein ein musikalisches Festival um dieses Treffen herum, das sich in den letzten Jahren immer mehr der Weltöffentlichkeit geöffnet hat.
Das Festival hat nicht nur einen musikalischen Anspruch. Die Völker sollen miteinander feiern und kommunizieren und sich gegenseitig helfen die Probleme zu lösen.

Ab 18:00 Uhr wird es dunkel und die Temperaturen angenehmer.
Tamikrest spielen einen phantastischen Set. Die Leute vor der Bühne tanzen , die Lagerfeuer glühen am Horizont, der Sternenhimmel ist umwerfend. Jetzt erst weiss ich, was ein Sternenzelt ist. In Europa sieht man immer nur einen Ausschnitt vom Himmel. Hier reicht der Sternenhimmel vom Boden bis zur Decke und auf der anderen Seite wieder bis zum Boden … in alle Himmelsrichtungen !!! Ein grandioses Naturschauspiel.

Ich sehe einer schwedische Gruppe zusammen mit einem Rapper aus Mali zu. Das klingt wie Led Zeppelin auf Rap. Sehr befremdlich.
Es kommt noch surrealistischer: ein österreichischer Punk spielt mit seinem Akkordeon, begleitet von Vocal-loops deutschsprachige Volksmusik in der Sahara. Das war wirklich absolut surrealistisch.

Ich will zurück zum Zelt und verlaufe mich in den Dünen. Später gewöhne ich mich an den Weg: rechts der Bühne die grosse Düne entlang, am Ende hoch auf den Dünenkamm und die nächste Düne rechts lang immer geradeaus. Ist doch ganz einfach ;-)

Nachts: die Jams an den Nachbarzelten gehen bis zum Tagesanbruch. Die Tuareg scheinen nie zu schlafen … um 07:00 h morgens ist alles schon wieder auf den Beinen.
Die Nacht war kalt und ich war froh um meinen arkltiserprobten Schlafsack.

Freitag, 11.01.2008 Festival au desert

Ich will gar nicht recht aufstehen. Ich versuche ein wenig Wasser zu finden um mich zu waschen. Kein Tropfen kommt aus dem einzigen Wasserhahn.

Nach dem Frühstück gehen Dirtmusic direkten Weges ins Zelt gegenüber zu Tamikrest und fangen an zu jammen.  Sofort versammeln sich sehr viele Zuschauer ums Zelt. Dazu kommt Marianne, eine Geigerin aus Kansas und spielt einfach mit. Die Presse kommt um Interviews zu machen. Es gesellt sich noch ein Gitarrist von Tinariwen, der Kultband aus Mali, dazu und fortan variieren die Songs von „westlichen“ Klassikers wie „All tomorrows parties“ bis hin zu „free-jazzigen“ Versionen afrikanischer Melodien.

Mein Laptop verabschiedet sich, als ich meine Bilder von der Kamera aufspielen möchte. Gottseidank geht es nach 3 Versuchen wieder , aber es hat ne Macke ab und ich muss ab sofort mit allem rechnen. Der Wüstensand fordert seinen Tribut.

Rumhängen … kein Stuhl zum Sitzen, keine Decke zum Liegen … nur Sand, Sand, Sand …
Gegenüber im Zelt von Tamikrest sitzen ca. 20 Leute und hören den Jamms zu. Der Ruf der Tuareg erschallt: „Blibliblibli…“ … Total abgefahren !

Wer bin ich eigentlich hier, was ist meine Rolle und was mache ich hier ? Chris stellt mich öfters den Leuten als Tourmanager von Dirtmusic vor, auch als der „Guru“ , „the good soul behind“ oder einfach nur als einen Freund, was meine Gefühle am ehesten trifft. Inzwischen sind wir ja auch schon ein ganz schön zusammengeschweisstes Team.

Um 11:15 sind wir zur Hauptbühne, dort sollte der Soundcheck von Dirtmusic stattfinden für die Show am Abend. Nach 2 ½ Stunden gehen wir wieder zurück zum Zelt, kein Soundcheck … das ist afrikanische Organisation !

Diese Hitze !!! Diese Hitze !!!!!!

Ich halte Siesta im Schatten eines Baumes, ziehe meine Schuhe aus (WUNDERBAR !!!) und schlafe ein viertel Stündchen. Leider ist nachher alles voll von den kleinen pieksenden aufdringlichen Kletten.

17:30 h: Ich liebe die Sonne (jetzt!). Die Temperaturen sind um diese Zeit sehr angenehm. Ich sitze auf einer Düne und schaue in die untergehende Sonne. Ich blicke hinab , unten im Tal zelebrieren Tuaregs Rituale. Dazu spielt auch ein Tuareg Orchester. Offensichtlich gehören diese Rituale ebenso zu dem Treffen hier, wie das anschliessende Kamelrennen. Dabei geht es wohl um das Präsentieren von Macht, Stärke und Potenz. Natürlich vollkommen machohaft aber typisch für hier.

Ich habe den Eindruck, Kamele sind nicht für Rennen geschaffen. Einige brechen in Panik aus und beinahe werden Zuschauer verletzt. Beeindruckend ist das Rennen jedoch auf jeden Fall. In meiner Zeit hier lerne ich mehr und mehr den eleganten Gang und die königliche Haltung der Kamele zu lieben.

Als ich zum Zelt zurückkomme fragt mich Chris „What´s happening there ?“. Ich antworte „Nothing special, just the usual“. Lautes Gelächter. „yes, just camel races in the desert“.

20:30 h , Dirtmusic sollte jetzt spielen.
Alles verzögert sich, ist eben afrikanische Zeit. Nervosität backstage, das Licht schwankt. Als ich mein Aufnahmeequipment aufbaue komme ich versehentlich an den Ein-/Ausschalter der Mehrfachsteckdose. Plötzlich ist die ganze Bühne ohne Strom. Jemand hat erschrocken gefragt was los ist. Ich hab auf unschuldig gemacht und den Schalter wieder eingeschaltet. Niemand hat mehr gefragt.

 

2 Stunden später ist es dann so weit. Sie haben allerdings nur 2 elektrische Verstärker, so muss eben einer mit dem Bass Verstärker spielen. „Arhaly“ von der Band Tamikrest spielt mit ihnen auf seiner Djembe. Marianne spielt Geige dazu. Wunderschön !

Die Show ist gut, der Sound grauslich. Klingt alles eher afrikanisch blechern, als so wie wir es gewohnt sind. Sie haben auch nur 2 , statt 3 Stühle auftreiben können. Also muss einer im Stehen spielen (Hugo).

Nach 35 Minuten war der Zauber vorbei. Grosse Erleichterung backstage.

 

 

live

Danach hab ich bis ca. 01:00 h der Musik zugehört. Klasse. Dann ging ich zum Zelt, ich war sehr müde. Im Zelt hat man aber die Musik auch noch sehr gut gehört. Schön zum Einschlafen.
Die Nacht war bitterkalt und ich hab wieder gefroren.

Samstag, 12.01.2008 Festival au desert

Frühstück, die Händler sind wie die Schmeissfliegen. Man kann entweder nicht in Ruhe frühstücken, oder man muss einfach ein dickes Fell haben und sie ignorieren. Ich entschliesse mich für letzteres.

Wir machen einen langen Spaziergang durch die Dünen bis nach Essakane. Idyllisch, friedvoll, beeindruckend. Ein kleines Dorf oder besser eine kleine Ansammlung von Hütten, jedenfalls gibt es eine Schule und viele Ziegen und Kühe. Auf dem Rückweg hören wir Live Reggae Musik über die Dünen schallen. Man sieht nichts als Dünen und durch die Luft kommt der Sound. Wiederum sehr „strange“ das alles .

Mittagessen : oh Schreck lass nach, schon wieder das gleiche Essen mit der gleichen Sosse wie immer. ICH KANN ES NICHT MEHR SEHEN !!!

Ich war nun seit 4 Tagen nicht mehr auf der Toilette. Also versuche ich es mal backstage, da hab ich gestern Nacht im Dunkeln so etwas wie eine Toilettenschüssel gesehen. Tatsächlich: eine Toilettenschüssel. Aber kein Wasser. Also stapelt sich die Scheisse bis unter die Toilettenbrille. Egal, ich baue den Berg noch ein bischen höher. Auf dem Rückweg erfahre ich die Abfahrtszeit für morgen früh: 06:00 Uhr.

Doch jetzt zuerst mal Siesta unter „meinem Baum“…. Herrlich …

Zurück zum Zelt. Die Jungs jammen immer noch mit den Tuaregs. Und das seit 2 Stunden. Ich höre ½ Stunde zu und schlendere dann über den Händlermarkt der Tuareg. Ich kaufe ein wenig Schmuck für meine Frau , eine kleine Skulptur usw …

Zurück am Zelt, sie jammen immer noch. Dann eine kleine Sensation: die Band Tamikrest lädt sie ein bei 2 ihrer Songs später auf der Bühne mitzuspielen. Und, sie vereinbaren zusammen eine CD aufzunehmen.  Mehr noch: ein Afrikaner kommt und lädt die Band ein in 2009 bei einem Musikfestival in Abidjan (Elfenbeinküste) zu spielen.
Chris E. scheint einer der glücklichsten Menschen auf dem Planeten zu sein. Ein Traum geht für ihn in Erfüllung, ich seh ihn nur noch strahlen.

Sie gingen – wiederum ohne Soundcheck - auf die Bühne und es war phantastisch. 10 Musiker spielen zunächst einen Song von Tamakrit, dann „The other side“ von Dirtmusic.
Unglaublich, phantastisch, beeindruckend … was kann ich mehr sagen. Der Höähepunkt unserer Reise schien erreicht.

Heute gehen wir relativ früh zu Bett, obwohl das Festival auf Hochtouren läuft.
Um 05:00 Uhr müssen wir aufstehen, auf der Hauptbühne spielt gerade der letzte Act , die Band Eletric Dharma aus Katalonien.

 

 

Sonntag, 13.01.2008 Essakane – Timbuktu - Bamako

Jetzt sitzen wir am Flughafen von Timbuktu. Um 05:00 Uhr sind wir aufgestanden, um 06:00 Uhr sollte es losgehen. Natürlich wird es fast 07:00 Uhr. Unterwegs durch die Wüste hatten wir .. na was schon ? … eine Reifenpanne. Deshalb haben wir den Flug um 10:00 Uhr verpasst. Ich habe darauf bestanden auf der Stelle für den nächsten Flug einzuchecken. Nach ½ Stunde Beharrlichkeit funktionierte es dann, wir bekommen den Flug um 14:00 Uhr. Jetzt können wir nur sitzen und warten. Hier am Flughafen gibt es nichts , rein gar nichts. Weder Essen, noch Trinken, noch …

Hab mich ein wenig mit der Band Electric Dharma aus Katalonien unterhalten. Wir schwärmten für Insalata mista, Paella , Rioja, Crema Catalana usw .. ach, was gäbe ich für ein gutes Essen mit frischen Salaten …..

Puh! Geschafft. Wir sind wieder in unserem Hotel in Bamako. Leider sind von den 4 vorbestellten Zimmern nur 3 frei. Chris und ich teilen uns eins. Später am Abend wird dann doch noch eines frei. Ich durfte zuerst duschen. Ich hab meinen Waschlappen bestimmt 5x ausgewrungen. Jedes mal kam eine braune Brühe. Unglaublich wie viel Schmutz ein Körper auffangen kann.  Schnell wieder eingecremt, hier gibt es wieder unglaublich viele Mosquitos.

Jetzt sitze ich auf der Terrasse, rauche eine Zigarette bei einem Bierchen und warte auf die anderen. Einfach abschalten. Hunger ! Seit gestern abend (1/2 Teller Couscous, was sonst ?) hab ich nichts mehr gegessen, ausser 2 Müsliriegeln. Wenn alle da sind gehen wir Essen und fallen wahrscheinlich früh ins Bett.

Von wegen ! Wir gingen zum Essen. Jeder hat 2 Hauptmahlzeiten zu sich genommen. Der Kellner hat gelacht. Dazu ein paar Flaschen Bier und 2 Flaschen Rotwein. Für hiesige Verhältnisse ist der Wein unverschämt teuer, 15,- Euro.

Anschliessend gingen wir in die Crazy horse Bar. Chris meinte, ich müsste da unbedingt hin, damit ich es in meinen Neil Young Fan Kreisen erzählen kann. Bei mir war anschliessend Feierabend. Die anderen sind noch zu einem Musikclub gegangen und haben dort noch live gespielt. Soll sehr „punkig“ gewesen sein.

Montag, 14.01.2008 Bamako - Paris

Heute ist bei mir absolute Ruhe angesagt. Ich setze mich auf die Terrasse, schreibe mein Tagebuch und faulenze. Wir sind noch für 3 Stunden auf den grossen Markt gegangen:
chaotisch, schmutzig, hektisch, stinkig, interessant, aber alles schon mal da gewesen.
Ich glaube, mich kann jetzt nichts mehr erschüttern.

Jetzt ist es 18:00 Uhr. Die Maschine nach Paris geht um 23:25 Uhr. Ich will nur noch nach Hause …..

FAZIT/SCHLUSSWORT:

Es war ein grosses Erlebnis für mich, das man sich so über ein Reisebüro sicher nicht kaufen kann. Meine Begeisterung und Respekt für afrikanische Musik und Musiker ist ganz gross gewachsen. Die Liebe zu dem wunderschönen Land und den liebenswerten Menschen in Afrika ist gefestigt. Die kleinen Ärgerlichkeiten gehören dazu und sind letztendlich das Salz in der Suppe.
Wir waren ein tolles Team, was bleibt ist eine tiefempfundene Sympathie und Freundschaft.
Ich möchte noch mal hin ….

Januar, 2008
Peter „HARD_to_HANDLE“ Weber

 

Weiterführende Links:

Diashow aller Bilder >>

Alle Bilder als ZIP herunterladen >>

DIRTMUSIC IN THE DESERT DOWNLOADS - UNDER CONSTRUCTION

Die CD gibt es bei www.glitterhouse.com/

Dirtmusics website: http://www.myspace.com/dirtmusicband

Tamikrest website: http://www.myspace.com/tamikrest

 

 

 

 

 

 

 

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