Essakane, Timbuktu, Bamako, Mali, Afrika
Reisenotizen von HtH
Das Folgende sind ein paar Notizen, die ich auf meiner Reise mit Dirtmusic in die Sahara gemacht habe. Meine Anmerkungen sind nicht sehr professionell geschrieben, sie sind als Erinnerung für mich persönlich gedacht. Ich hoffe der Leser hat Spass daran und kann danach ein wenig meine Begeisterung für diesen aussergewöhnlichen Tripp nachvollziehen.
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Samstag, 05.01.2008, Stuttgart – Paris
Endlich ist es so weit ! Seit 3 Tagen bin ich am Packen und abchecken, ob alles , was ich mitnehme auch funktioniert. Ich bin auf dem Weg in die Wüste !!!
Das wird sicher eines der grössten Abenteuer, die ich bisher erlebt habe.
Doch der Reihe nach:
Begonnen hat alles irgendwie vor ca. 4 oder 5 Jahren. Mein Freund Nobby schickte mir eine DVD mit dem Hinweis „Schau Dir das mal an. Das wird Dich sehr interessieren!“. Es handelte sich um eine Dokumentation der BBC London über das „Festival in the desert“ in Essakane, Timbuktu, Mali, Afrika. Ich war begeistert, als ich das sah. Ein Musikfestival mitten in der Wüste, fernab von jeglicher „Zivilisation“.
Mit Chris Eckman (Mastermind von The Walkabouts ) bin ich schon länger befreundet. Er ist ein grosser Fan von afrikanischer Musik und hat das Festival 2006 besucht. Als wir uns im Frühjahr 2007 trafen entstand der konkrete Wunsch dorthin zu fahren. Er war im Frühjahr mit seiner neu formierten Band Dirtmusic unterwegs und er nahm seine 2006 geschlossenen Kontakte wieder auf um über eine Einladung zu sprechen.
Zu Dirtmusic gehören neben Chris Eckman, die Singer/Songwriter Chris Brokaw (Come, Codeine, Eleventh Dream Day, Steve Wynn u.v.a.m.) und Hugo Race (True Spirit, Nick Cave u.v.a.m.). All diese Musiker sind sehr vielseitig, offen und bereit sich in unbekannte Abenteuer zu begeben. Die besten Voraussetzungen also.
Wir beschlossen kurzerhand den Trip zu wagen. Schnell merkten wir allerdings, dass in Afrika die Dinge anders laufen, als hier gewohnt. Nach einer schnellen Zusage der Veranstalter, kam dann kurzfristig wieder eine Absage und schliesslich Ende Oktober doch eine ersehnte Einladung.
Visas mussten beantragt werden, die notwendigen Impfungen ertragen werden und nachdem die Organisation mit Flügen, Jeeps und Hotels stand, konnte es am 07.01.2008 losgehen.
Wir trafen uns in Paris am Flughafen. Ich war bereits 2 Tage früher in Paris, Chris Brokaw kam aus New York, Hugo Race über Berlin aus Melbourne und Chris Eckman aus Ljubljana.
Montag, 07.01.2008 Paris – Bamako
Nach 5 ½ Stunden Flug kamen wir am Abend in Bamako, Hauptstadt von Mali an, wo wir ein Hotel für 3 Nächte reserviert hatten. Wir wollten uns erstmal akklimatisieren und die Band wollte sich „warmspielen“.
Unser erster Kontakt mit Afrika war chaotisch, hektisch und befremdlich:
Nach einem heftigen Ellenbogenkampf am Gepäckband wurden wir von unzähligen Taxifahrern bedrängt. Ich handelte mit einem von ihnen einen Fahrpreis von 20,- Euro aus, er wollte ursprünglich 80,- Euro. Offensichtlich machen sich die Leute dort den Umstand der ersten Orientierungslosigkeit zunutze („in der Nacht sind alle Katzen grau“ und für mich sah ein Einheimischer aus wie der andere). Denn als wir am Hotel ankamen, wollte er wieder die erstgenannten 80,- Euro. Sein Argument: mit mir haben Sie keine 20,- Euro ausgemacht, das musss jemand anderes gewesen sein. Mein Preis ist 80,- ! Am Ende haben wir uns auf 40,- Euro geeinigt. Man ist ja lernfähig und am Ende unseres Trips hab ich für den gleichen Weg vom Hotel zurück zum Flughafen nur noch knapp 15,- Euro bezahlt und das war wahrscheinlich immer noch der doppelte Preis als üblich …
Das Hotel Tamana ist eine kleine Oase im hektischen Strassengewimmel der unmittelbaren Umgebung. Sauber und einigermassen organisiert ist es , wenn auch für meine europäischen Gewohnheiten anpassungsbedürftig. Es wimmelt von Mosquitos , das Mosquitonetz in meinem Zimmer hatte faustgrosse Löcher . Ich sah keine Dusche und als ich mich gerade zur Rezeption aufmachen wollte, fand ich ein Loch im Boden, direkt neben der Toilettenschüssel. Und tatsächlich: dort hing auch ein Schlauch. Klasse ! Nun konnte ich sogar im Sitzen duschen.
Dienstag, 08.01.2008, Bamako
So nach und nach sind alle aus ihren Zimmern gekrochen kommen. Einfaches Frühstück (guter Kaffee) und dann bin ich mit Hugo die Hauptstrasse vorm Hotel spazieren gegangen.
Afrika, so wie ich es von anderen Besuchen her kenne: schmutzig, staubig, laut, alle Menschen arbeiten auf der Strasse, man wird angesprochen um etwas zu verkaufen oder einfach nur betteln … das „Übliche“ eben.
Mali gehört zu den 10 ärmsten Ländern der Welt. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 40,- Euro pro Monat und das bedeutet, dass wahrscheinlich 95% der Bevölkerung unter 5,- Euro verdienen. Ein Bier kostet übrigens 1.000,- Mali´schen Francs, was ca 1,50 Euros sind. Ein komplettes Mittagessen nach unserem „Standard“ schlägt mit etwa 40,- Euro zu Buche.
Selbstverständlich ist das für die Malinesen purer Luxus. Aber Neid , Missgunst oder gar Diebstahl hab ich nicht erlebt und von niemandem einen Hinweis darauf bekommen. Hier versteht man es auf eine andere Weise Dir Dein Geld aus der Tasche zu ziehen. „ Hey, that´s Africa !“ begleitet mit einem Schulterzucken, wurde zu unserem Leitmotto ebenso wie „You know: in the end everything will be fine“ , was sich ja ebenfalls bewahrheitet hat.
Zurück im Hotel versammeln wir uns alle auf der „Terrasse“. Die Dirtmusiker beschliessen ein wenig zu jammen. Ich baue mein Aufnahmegerät auf und schneide einfach mal mit.
Die Technik (ich habe offensichtlich zuviel mitgebracht) lässt mich langsam im Stich. Meine Videokamera hat den Geist aufgegeben (verschmutzter Videokopf) und eins meiner Kabel bricht. Mist !! Die Musik macht trotzdem Spass. Einige „Einheimische“ hören die Musik und schauen neugierig vorbei. Grosses Lob von ihnen.
Die Dirtmusiker probieren zunächst so ziemlich alle Songs ihrer CD durch und legen sich dann auf 8 Songs fest, die auf dem Festival gespielt werden sollen. Ich geniesse es den hervorragenden Musikern zuzuhören, im angenehmen Schatten zu sitzen und freue mich auf mehr Musik in der Wüste.
Gegen Abend treffen wir uns alle auf der Terrasse. Ich besorge eine Flasche Rotwein und wir beschliessen heute Abend in einen Club mit Live-Musik zu gehen. Vorher gehen wir in die gegenüberliegende „Diskothek“ um etwas zu essen. Der Fisch ist köstlich (brochette capitaine) und beinahe hätte ich vergessen, dass man keinen Salat essen soll. Gestern Abend beim Zähneputzen hab ich versehentlich mit Leitungswasser nachgespült. Ich hatte anschliessend ein sehr unangenehmes Gefühl. Es wäre tragisch, wenn mich „Allahs Rache“ treffen würde und ich mitten in der Sahara bin.
Überhaupt: ich bin hier ständig auf der Hut nichts Falsches zu machen. Kein Wasser, deshalb lege ich mich auf Bier und Wein fest ;-) Kein Obst und Gemüse. Und immer auf der Hut vor Mosquitos. Ich habe keine Malaria Prophylaxe und muss deshalb besonders aufpassen. Irgendwie senkt sich der ganze Lebensstil hier ab auf Essen, Trinken, Aufpassen und grundlegende organisatorische Dinge wie Geld wechseln, Batterien aufladen usw …
Ich hab z.B. keine einzige Steckdose in meinem Zimmer und muss immer auf die Terrasse um die Akkus aufzuladen.
Wir nehmen uns ein Taxi zu einem Musicclub, weit von unserem Hotel entfernt. Unterwegs überkommt mich einn Schauer, wenn ich mir vorstelle, wir bekommen kein Taxi für den Rückweg: Laufen kann man das sicher nicht, wenn man überhaupt den Weg finden würde …… Doch die Lösung ist afrikanisch: der Taxifahrer bietet sich an, vor dem Club zu warten bis wir wieder zurück wollen. Wir nehmen dies dankbar an, vor allem als wir sehen in welchem heruntergekommenen Viertel wir gelandet sind.
Im Club werden wir von vielen Leuten freundlich und zum Teil mit Handschlag begrüsst. Allerdings hat die Freundschaft auch einen Preis: „Gibst Du mir ein Bier aus ? Hast Du mal eine Zigarette ?“ Die Musik ist toll und die Athmosphäre sehr locker. Eine Band bestehend aus einer festen Rhythmsection (drum, el.git.,bass) wechselnde percussions und Sänger. Man kann sich dabei unterhalten und Bier trinken, aber auch genauso gut zuhören. Einige tanzen. Die Kommunikation zwischen Band und Publikum ist erstaunlich. Ich verstehe zwar kein einziges Wort von dem, was sie singen , ich denke aber sie improvisieren viel. Manchmal scheint es ein Wechselgesang zwischen Publikum und Sänger zu sein.
Glücklich und von der Musik berauscht gehen wir zu unserem Taxi , welches uns durch die unheimlichen Strassen von Bamako zurück fährt.
Bamako scheint ein riesiges Dorf zu sein. Nur einmal erkenne ich so etwas wie eine Hauptstrasse. Meist rast das Taxi durch dunkle staubige Gassen. Einmal taucht wie aus heiterem Himmel ein Stoppschild auf. Der Fahrer scheint das gar nicht wahrzunehmen und rast einfach weiter.
Mittwoch, 09.01.2008 Bamako
Heute waren wir zunächst im Studio „K7“. Dort ist ein CD-Laden und das Studio von Ali Farka Toure, das seit seinem Tod von seinen Söhnen weitergeführt wird. Die Jungs kaufen sich Cassetten (ja, wirklich … richtige tapes !) , doch leider ist das Studio für einen Besuch geschlossen, die komplette Familie ist schon unterwegs zu „ihrem“ Festival in the desert.
Wir besuchen den „Grand marche artisane“, einen Markt für Künstlerbedarf, also auch Musikintrumente. Chris E. und ich haben ja schon ein wenig Afrika Erfahrung und wissen, was da auf uns zukommt. Chris B. und Hugo scheinen sich völlig ahnungslos in die heftigst angebotenen Waren und den nichtendenwollenden Feilschereien zu verstricken. Jeder kauft so viele Musikinstrumente, wie er tragen kann (Cora, Balafon, …).
Der längste und günstigste Kaufhandel zog sich über 2 Stunden hin und brachte uns eine afrikanische Gitarre („Ngoni“) ein, die ursprünglich 65.000,- Francs kosten sollte uns die wir letztendlich für 7.500,- bekommen haben.
Zurück auf der Terrasse werden die 8 ausgewählten Songs, d.h. der komplette set 2x durchgeprobt. Die Jungs werden von mal zu mal besser.
Ich wasche vorsorglich noch ein paar Socken und morgen früh soll´s zeitig losgehen.
Flug nach Timbuktu und von dort mit dem Jeep ein paar Stunden durch die Wüste zu unserem Ziel:
Festival au desert, bei Essakane, mitten in der Sahara.
… 04:00 h aufstehen, 04:30 h Taxi bestellt, 04:50 h endlich Abfahrt, das Taxi geht erst mal tanken, dann über rote Ampeln, kein Licht am Auto … 06:00 h Abflug
Anflug auf Timbuktu, unter uns die Wüste. Dort wollen wir hin ???.
Ankunft wie gewohnt, chaotisch. Wo, wer ist unser Fahrer ? Wohin, wie ? Aber wie immer: am Ende ist alles gut.
Ich schwanke zwischen Hochs und Tiefs. Letzte Toilette auf Flughafen, Gottseidank hab ich Papier mit mir.
War das eine Fahrt mit dem Jeep !! Wahnsinn ! Wir saßen zu viert auf der Rückbank und wurden mehr als nur kräftig durchgeschüttelt. Ich stiess mir einmal heftigst den Kopf und ein anderes mal schlug ich mit dem Gesicht auf die vorderen Kopfstützen.
Kurz nach der Ankunft auf dem Festivalgelände wurde uns ein Zelt zugewiesen in der Zeltstadt für die Künstler .
Unser Fahrer hat sich mit dem Jeep inklusive Gepäck
irgendwohin verabschiedet. Wir finden ihn auch „irgendwo“ in den Dünen. Das Fahrzeug steckt im Sand fest, also müssen wir unsere Koffer durch den heissen Wüstensand schleppen.
Welch eine Hitze hier ! Man kann nur mit Stiefeln laufen, die Füsse quellen auf und schmerzen. Tuareg Händler sind überall und quatschen uns dauernd an. Ich hab nur eins im Sinn: einen Schattenplatz, vielleicht etwas Kühles zum Trinken und Essen wäre auch nicht schlecht.
Die Künstler haben ein eigenes „Cafe“ , eine Bretterbude mit Plastikstühlen davor. Wir bekommen hier Couscous mit Fladenbrot und Fanta. Während in Europa die Verpflegung für Bands auf Tour meist mies und eintönig ist, ist in Afrika alles anders: jeden Tag gab es mittags Couscous mit Fladenbrot. Abends gab es dann immer Couscous mit Fladenbrot. Aber zum Frühstück gab es Fladenbrot ohne Couscous ;-)
Es ist 15:00 h . Der absolute Wahnsinn !!!! Die Sonne schreit vom Himmel. Ich trockne aus. Hab mir gerade eine Flasche Wasser gekauft. Innerhalb von ½ Stunde kann man das Wasser für eine warme Dusche verwenden.
Ich sitze unter einem der wenigen Bäume und schaue zwei Jungen zu, die eine frisch geschlachtete Ziege ausnehmen.
Nebenan sitzen die Musiker von „Le jeune Farka Toure“. Sie bieten mir einen Tee an und ich nehme ihn höflicherweise an. Nach dem ersten Schluck erschrecke ich. Hoffentlich ist das Wasser auch genügend abgekocht. Also schütte ich heimlich den Tee in den Sand.
Hab mich, wie die anderen ein wenig ins Zelt gelegt um Siesta zu halten. Seltsame Hintergrundgeräusche, durchmischt mit Musik und schreienden Kamelen, wecken uns auf.
Im gegenüberliegenden Zelt spielt eine Gruppe Tuaregs auf ihren Instrumenten und ein weibliches Model (Klappergestell mit schönem Gesicht) versucht dazu zu tanzen. Photoapparate klicken und ich stelle fest, dass es sich um ein Photoshooting handelt (von Vogue … und vielleicht war das Model ja sogar berühmt). Die Musik ist jedenfalls toll und was nun folgte war der Beginn einer phantastischen Geschichte.
Als der Trubel ein Ende findet, gesellen sich die Dirtmusiker mit ihren Instrumenten dazu und die amerikanisch/australisch/malinesischen Jamms fingen an. Es stellt sich heraus, dass es sich um die Tuareg Band Tamikrest handelt, die heute abend beim Festival auftreten werden.
Der Startschuss für eine ganz besondere Musikerfreundschaft wurde gelegt.